Heute gehe ich es gemütlich an, ist doch die Wanderung nach Trivigno nur ca 3 3/4 Stunden lang. Ein wunderschöner Tag erwartet mich.

Während ich das erste Stück noch durch Tirano wandere, schaue ich durch die Tore in die Hinterhöfe hinein. Bei den alten Häusern gibt es meistens einen gewölbten Durchgang in den Hof und manchmal hinten raus in den Garten.

Dann geht es bergwärts zu einer Burgruine. Von hier schweift der Blick über Tirano, die Rebhänge und hinein ins Puschlav bis zum Bernina.

Ich höre den Zug der Rhb pfeifen, mehrmals und lange. Er fährt mitten durch die Stadt und überquert einen grossen Platz, in den mehrere Strassen münden. Damit ja nichts passiert gibt’s ein Gebimbel und der Zug pfeift und fährt im Schritttempo. Das weckt ein bisschen nostalgische Gefühle, ist es doch wie früher, als jeder Zug bei den unbewachten Bahnübergängen pfiff. Allerdings stelle ich mir vor, dass es gar nicht lustig ist, wenn man da wohnt und dieser Lärm mehrmals stündlich stattfindet. Der einzige Trost ist, dass nachts kein Zug fährt….

Oberhalb der Burg führt der Weg in den Wald mit seinen herbstlichen Farben, Kastanien und Pilzen. Nun muss ich bis Trivigno fast 1300 Höhenmeter hinaufsteigen. Diese ganze Strecke legt man auf einem alten, steilen, gepflasterten Weg im Zickzack zurück. Ich treffe keine Menschenseele.

Trivigno liegt auf einer schönen, sonnigen Terasse, perfekt, um den Rest dieses wunderbaren Tages faulenzend zu verbringen. Nur leider hat das Hotel zu! Ich habe es draufankommen lassen und bin prompt reingefallen. Ich treffe ein älteres Paar, die fragen, ob ich etwas brauche. Ich lache und sage: Ja ein Bett, ich wollte hier übernachten. Oh je, da könne man nichts machen, viel Glück!
Etwas weiter oben treffe ich einen Mann, den ich frage, ob es hier in der Nähe eine Übernachtungsmöglichkeit gebe. Er verneint und fragt, woher ich gekommen sei – von Tirano – Complimenti – Morgen wollte ich bis Edolo wandern – Das schaffen Sie schon noch, in vier Stunden sind Sie da…
Das dumme ist nur, dass meine App sagt, sechseinhalb Stunden, 20km und es ist schon 14:45. Na gut, meint er, in fünf Stunden ist das zu schaffen, es geht fast nur noch abwärts.
Ich weiss jedoch, dass meine App ziemlich genaue Prognosen macht und wenn es steil runter geht, bin ich langsam, das ist nicht mein Ding.

In dem Moment kommt mir leider nicht in den Sinn, dass ich ein Taxi von Tirano kommen lassen könnte und beschliesse, halt weiterzuwandern. Die Bäume leuchten und die Aussicht gegen Süden ins Adamellomassiv, bis 3350m hoch, Ogliolo-Tal und in die Bergamasker Alpen ist fantastisch! Das einzige, worüber man meckern könnte, ist, dass die Strasse asphaltiert ist, aber die Aussicht und die goldene Stimmung machen das mehr als wett!
Es wäre auch kein Problem, wenn meine Ferse nicht wieder anfangen würde zu schmerzen. Von der Kondition her, kann ich es gut machen, fürchte aber ein bisschen, dass ich meine Ferse ruiniere.

Deshalb beschliesse ich, irgendwo eine Pause einzulegen und nach Edolo zu telefonieren um ein Hotelzimmer zu reservieren und mich vielleicht irgendwo abholen zu lassen. Bei einer Nummer kommt eine Ansage, die ich nicht verstehe und bei der anderen kommt eine Automatenstimme und sagt mir, ich solle den Code eingeben. Hä – was für ein Code?

Nun, da bleibt mir wohl doch nichts anderes übrig, als auf meinen Füssen ins Tal hinunterzuwackeln, nach Cortenedolo, und zu hoffen, dass ich da ein Restaurant oder vielleicht sogar ein Hotel finde.

 

Tatsächlich gibt es hier eine Pizzeria/Trattoria – nur leider geschlossen wegen Ferien! Gut, dann gehe ich halt mal in die Bar und frage, ob es was in der Nähe gibt. Ja, im nächsten Dorf (nur leider in der falschen Richtung – aber egal) Restaurant und Hotel in einem. Ich frage die junge Frau, ob sie sicher sei, dass die geöffnet haben, denn es ist doch noch ein Stück und ich bin schon mehr als 7 Stunden gewandert. Sie meint, ja es sei offen, ruft dann aber vorsichtshalber noch jemanden an und siehe da: Heute gschlossen. Ich frage die Männer vor der Bar, ob es ein Taxi gebe – Nein – in Edolo? – Nein, auch nicht. Wundert mich ja eigentlich nicht, wo doch jeder ein Auto hat.
Es gibt ein paar Mal am Tag einen Bus, der letzte ist vor einer halben Stunde gefahren.

In Frankreich hätte ich gar nicht so lange rumfragen müssen, da hätte schon lange jemand gesagt: Wissen Sie was? Ich fahre Sie schnell hin. Aber nicht hier!

Die junge Frau an der Bar sagt, sie könne mich gerne hinfahren, aber leider erst nach der Arbeit, so um 21:45. Für mich wäre das ok, wenn ich wüsste, dass ich ein Zimmer habe. Also wird nochmals gesucht. Sie gibt mir die Nummer vom Eurohotel. Da habe ich es zwar schon versucht, aber sie hat eine andere Nummer – interessant – und tatsächlich nimmt jetzt jemand ab und ich kriege ein Zimmer – uff!

Es war mir schon klar, dass es in Italien schwierig sein würde, eine Unterkunft zu finden, besonders in dieser Jahreszeit, aber hier im Norden hatte ich es nicht erwartet. Und dass die Leute so wenig hilfsbereit sind, auch nicht. Die junge Frau an der Bar hat sogar einige der Männer gefragt, ob mich einer nach Edolo fahren könnte (5 Min) Keiner wollte. Ich hätte ja auch bezahlt. Ist auch eine Erfahrung.

Beim Warten sortiere ich meine Fotos, mache Collagen und fange an zu schreiben.

Nach und nach kommen mehrere Männer rein. Sie unterhalten sich und ich verstehe nichts. Die haben einen extremen, seltsamen Dialekt, nicht nur von der Sprache her, sondern auch vom Tonfall. Sie schreien oft beim Reden, jedoch nicht, weil sie eine heftige Diskussion hätten…

Die nette, junge Frau nimmt mich auf dem Nachhauseweg mit und lädt mich in Edolo ab. Vielen Dank!!
Um 10 Uhr bin ich dann endlich im Hotel, wo mich eine nette Dame an der Reception empfängt.

17. Okt. 2019 Tirano – Trivigno – Cortenedolo

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