Federico fährt mich zum oberen Stausee hinauf, von wo ich gestern mit zwei Frauen hinunterfahren konnte. Nun kann ich meine Wanderung fortsetzen, ohne etwas auszulassen. Es hätte zwar da oben ein Restaurant, das auch Zimmer vermietet, es ist aber schon zu. Überhaupt hat alles im Tal schon geschlossen. Anfangs Oktober machen die alle die Luken dicht. Federico vermietet seit letztem Mai und hat vor, das ganze Jahr offen zu sein. Macht ja auch Sinn, wenn er sowieso da ist. Wenn niemand kommt, kommt eben niemand und sonst haben er und seine Frau ein bisschen Gesellschaft. Da die andern alle zumachen, kommen alle zu ihnen 🙂

Villa Plaz und mein Frühstück 🙂

Es ist auch absolut paradiesisch hier, das Tal, der Fluss Chiese! Das Frühstück ist das beste, das ich je in Italien gekriegt habe, ausserdem kocht Federico auch ein wunderbares Abendessen für mich, denn zu Fuss habe ich keine Chance innert nützlicher Frist ein Restaurant zu erreichen.

Meine heutige Wanderung verläuft mehr oder weniger auf der Strasse, mangels Alternative. Das ist insofern nicht schlimm, als der Verkehr quasi bei Null ist. Das Mühsame ist halt, dass ich zu viel auf Asphalt laufe, was meine Füsse nicht mögen.

Das Tal ist jedoch wunderschön, obwohl das Wetter nicht so gut ist. Die Herbstfarben lassen alles leuchten, selbst im Regen. Der Fluss ist wunderbar wild und laut, das Wasser rauscht über die vielen Felsbrocken.

Nach einer Weile versuche ich, die Serpentinen abzuschneiden, weil ich einen Pfad finde, der sicher zu einem Wasserfall führt, wenn ich Glück habe sogar in die kleine Ebene weiter unten. Ich habe Glück.

Hier ist es wie in einem Park, der Fluss windet sich durch die Ebene, am Ende liegt ein kleiner See, die Bäume stehen einzeln oder in kleinen Gruppen, alles leuchtet, es regnet und gleichzeitig scheint die Sonne. Es ist richtig lieblich.

Ich setze mich auf einen Baumstrunk und mache eine lange Pause, geniesse einfach die Szenerie, die Farben und die Geräusche…

Es ist ja witzig: Im ganzen Tal stehen Tafeln, mit der Warnung, dass es gefährlich sei, sich in der Nähe des Flussbettes aufzuhalten, weil eine Flutwelle kommen könnte, wenn eine Schleuse geöffnet wird. Auch am oberen und unteren Ende der Ebene gibt es solche Tafeln. In der Ebene stehen jedoch Bänklein und es gibt sogar einen gut ausgebauten rollstuhlgängigen Weg. Natürlich könnte sich hier das Wasser ausbreiten, aber ich stelle mir vor, dass es trotzdem noch ziemlich gefährlich wäre.

Weiter unten komme ich zum Lago di Malga Boazzo. Auch ein schöner See, obwohl ein Stausee. Er ist fast voll und die Bäume spiegeln sich im Wasser. Auf der anderen Seeseite, donnert ein Wasserfall über die Felsen. Im ganzen Tal kommen von beiden Seiten Bäche und Wasserfälle im Überfluss. Es hat natürlich auch ziemlich geregnet in letzter Zeit.

Nach dem See kann ich endlich weg von der Strasse auf einen Feldweg. Nun wandere ich ziemlich nahe am Fluss. Inzwischen hat es aufgehört zu regnen.

Bei Pracul spannt sich eine kleine Holzbrücke oberhalb eines Wasserfalles über den Fluss. Es reizt mich, da hinüber zu gehen. Auf der anderen Seite esse ich Zmittag. Nachher beschliesse ich, nicht mehr zurück auf die andere Seite zu gehen, sondern hier einen kleinen Umweg zu laufen. Es geht, heute zum ersten Mal, in die Höhe, vorbei an Schützengräben des 1. Weltkrieges. In dieser Gegend verlief die Grenze zwischen Italien und Österreich-Ungarn, weshalb dieses Gebiet hart umkämpft war.

Pünktlich laut Wetterprognose setzt wieder Regen ein, ein schöner Abschluss der Wanderung 😉

Mir ist aufgefallen, dass es hier viele Namen von Häusern gibt, die irgendwie einen spanischen Klang haben. Laut Federico gab es wirklich einmal spanische Feudalherren auf einer der Burgen hier.

Beim Nachtessen fragt er mich, wo ich morgen übernachten wolle. Tja, wenn möglich in Praso, meinem morgigen Ziel. Da gibt es aber nichts und Federico meint, ich solle nochmals hier schlafen. Das bedingt allerdings, dass er mich morgen Abend in Praso abholt und am Samstag wieder hinbringt.

Eigentlich entspricht das ja nicht ganz meiner Vorstellung von Fernwandern. Es gefällt mIr, immer weiterzuziehen, aber hier bleibt mir gar nichts anderes übrig, weil alles geschlossen ist. Es hat immerhin den Vorteil, dass ich zwischendurch mit leichtem Gepäck wandern kann. Meine Füsse mögen das 🙂

 

Im Hinblick auf die Unterkünfte bin ich zu spät dran, September wäre besser. Von der wundervollen,

herbstlichen Stimmung her, ist es aber perfekt!

Unterhalb der Villa La Plaz

24. Okt. 2019 Diga Malga Bissina – Vermongoi

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